„Unser Gemeinwesen lebt davon, dass die Bürger mitwirken und mitgestalten. Es braucht Menschen, die die Ärmel hochkrempeln, anpacken und sich freiwillig in die Pflicht nehmen lassen. Und es braucht eine Kultur der Anerkennung und Wertschätzung des ehrenamtlichen Engagements.“ Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann fand viele Worte des Lobes für die 16 Menschen, die er auf Samstag ins Neue Schloss in Stuttgart eingeladen hatte. Ihnen allen überreichte er an diesem Tag das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. „Leuchtende Vorbilder“ nannte Kretschmann die 16 neuen Ordensträger. Sie hätten „Großes für unser Gemeinwesen und Ihre Mitmenschen geleistet“. Es sei wichtig, dass dies öffentlich gesehen und gewürdigt wird. Es sei immer wieder beeindruckend zu sehen, „wie breit gefächert und fest verankert das ehrenamtliche Engagement in unserem Land ist, welche Initiativen Menschen auf die Beine stellen und wie auf vielfältige Weise anderen geholfen wird.“ Unter den Geehrten war auch Anita Reuter aus Eckartsweier. Mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes wurde vor allem ihr jahrzehntelanges Engagement in der Sozialarbeit des Deutschen Roten Kreuzes gewürdigt.
Die 69-Jährige ist Rotkreuzlerin durch und durch. Mehr als 30 Jahre lang arbeitete sie als Leiterin der Sozialarbeit im DRK-Kreisverband Kehl, und auch im Landesverband Baden, wo sie seit 2001 tätig ist, hat sie maßgeblich Strukturen geprägt und die ehrenamtliche Sozialarbeit weiterentwickelt. In ihrer Zeit als Kreissozialleiterin initiierte sie unter anderem das „Café Vergiss-mein-nicht“. Die ersten Gruppen entstanden in Willstätt und Eckartsweier; später kamen weitere Gruppen in Bodersweier, Goldscheuer und Holzhausen hinzu. Für einen Nachmittag in der Woche können pflegende Angehörige ihren Pflegling in die Obhut von Betreuern des Roten Kreuzes geben. In der Zwischenzeit haben die Angehörigen Gelegenheit, einmal etwas ganz für sich selbst zu tun – etwa um Behördengänge zu erledigen, in Ruhe einzukaufen, Bekannte zu besuchen oder einfach mal auszuspannen. Ziel ist es, die demenzkranken Menschen so lange wie möglich im vertrauten Umfeld halten zu können.
In den wöchentlichen Treffen wird gesungen, getanzt oder gebastelt – und am Ende gibt’s ein gemeinsames Abendessen. „Das ist wie in einer Familie“, so Anita Reuter. Auch die Kinder aus dem Eckartsweierer Kindergarten kommen regelmäßig zu Besuch, um mit den demenzkranken Menschen gemeinsam zu singen oder zu basteln. Das sei wichtig, meint Anita Reuter: „Man muss einfach anerkennen, dass Demenz ein Thema ist, das zum Alter dazugehört.“ Längst hat ihre Idee auch in anderen DRK-Kreisverbänden Nachahmer gefunden. Im Ortsverein Eckartsweier leitet Anita Reuter zudem das „Team Sozialarbeit“, das unter anderem die Seniorennachmittage im „Waaghaus“ organisiert. Auch das Projekt „Aktivierende Hausbesuche“ ist eine Idee von ihr. Und auch dem Seniorenrat der Gemeinde Willstätt gehört sie an. Doch Anita Reuter engagiert sich nicht nur für alte Menschen. Auch im Jugendrotkreuz ist sie aktiv. Und seit über 30 Jahren leitet sie den Frauentreff in der evangelischen Kirchengemeinde Sand und Eckartsweier.
Ende Oktober bekam sie die Einladung vom Staatsministerium. Ihr Mann Edgar hatte den Brief auf dem Esszimmertisch drapiert. „Da bekam ich schon Gänsehaut“ erzählt sie. Anfangs wusste sie gar nicht, wer sie vorgeschlagen hatte. Dass der Vorschlag von der Gemeinde Willstätt kam, erfuhr sie erst später. „Man freut sich, wenn die Gemeinde das wertschätzt“, sagt sie. So richtig fassen kann sie die hohe Auszeichnung immer noch nicht. „Auf sowas arbeitet man ja nicht hin.“ Viel mehr freut es sie, dass es mit dem „Café Vergiss-mein-nicht“ gelungen sei, das Thema „Demenz“ zu ent-tabuisieren. Dafür so hoch dekoriert zu werden, macht sie auch ein bisschen stolz: „Das ist schon etwas Besonderes.“
